Selbstverständnis

Zu was beraten wir: Unsere Beratungsstelle hat die Schwerpunkte Inter- und Transgeschlechtlichkeit. Dazu haben wir umfangreiche Kenntnisse im psychischen, kulturellen, sozialen, medizinischen und rechtlichen Bereich. Dieses Wissen möchten wir Euch gern zur Verfügung stellen. Häufig sind aber auch andere Themen damit verknüpft. So beraten wir z.B. auch zu Erziehungs- und Beziehungsfragen, zu Diskriminierungserfahrungen, psychischen Einschränkungen  wie etwa Depressionen, Ängsten, Ernährungsstörungen,…,  zur Situation in Kita, Schule, Beruf und in der Pflege.

Manchmal ist die eigene Inter- oder Transgeschlechtlichkeit auch gar kein Beratungsthema (mehr) und doch ist es wichtig, mit deinem Anliegen gehört und dabei in deinem Sein akzeptiert zu werden.

Wie beraten wir: Dein/ euer Beratungsanliegen steht im Mittelpunkt unseres Gespräches. Wir können Erfahrungen und Wissen weiter geben und Kontakte vermitteln. Dazu stellen wir auch Fragen, um deine/ eure Situation besser zu verstehen. Wenn dir/ euch dabei etwas zu weit geht, sag/t es uns bitte. Wenn es bei dir/ euch um Entscheidungen geht, können wir uns gern gemeinsam das Für-und-Wider anschauen und nach weiteren Möglichkeiten suchen. Die Entscheidung wirst du/ werdet ihr aber für euch fällen.  Für uns ist es wichtig, dass du aus einem Beratungsgespräch nicht nur mit mehr Informationen und Wissen heraus gehst, sondern auch mit mehr Kraft und Selbstbewusstsein. Dafür nehmen wir uns Zeit.

Warum Inter* und Trans* in einer Beratungsstelle

Unsere Beratungsstelle ist gleichermaßen für die Themen →Inter* und →Trans* da. Wir wissen um die Unterschiede bei beiden Themen und wir sehen auch viele Gemeinsamkeiten.

Mögliche Gemeinsamkeiten aus unserer Sicht:

  • Empfinden oder Verhalten nicht gemäß dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht
  • die mangelnde gesellschaftliche Akzeptanz,
  • häufige Diskriminierungserfahrungen
  • mangelnder Zugang zum Arbeitsmarkt
  • das Erleben von Tabuisierung und →Pathologisierung,
  • der Wunsch nach Aufklärung und Information in der Gesellschaft
  • das häufige Fehlen positiver Rollenmodelle und Vorbilder
  • die Notwendigkeit sich mit medizinischen Sichtweisen und Diagnosestellungen auseinandersetzen zu müssen
  • die Aufgabe der Eltern, sich für ihre Kinder mit der Notwendigkeit oder Unterlassung von medizinischen Eingriffen und deren Folgen auseinander setzen zu müssen,
  • dass Eltern frühzeitig mit inter- und/oder transgeschlechtlicher Entwicklung ihrer Kinder konfrontiert werden und sie erst einmal ratlos bei Fragen nach angemessener Erziehung sein können
  • dass Familien in Behörden und medizinischen Institutionen häufig pathologisierenden Sichtweisen und Praktiken begegnen, was die familiäre Bindungs- und Beziehungsgestaltung stören kann,
  • die Gefährdung des Zusammenhaltes der sozialen Bezüge, wenn sich Menschen mit ihrer Inter- oder Transgeschlechtlichkeit outen (Schule, Freund_innen, Familie, Arbeit, Partner_innenschaft etc.).
  • Bei beiden Themen gibt es Menschen, die nicht innerhalb einer Zweigeschlechternorm anerkannt sind, dieses aber wünschen. Andererseits gibt es jeweils auch Menschen, die sich zwischen den Geschlechtern und jenseits der Geschlechternorm zuordnen, aber auch darin keine Anerkennung finden.

Bei allen Gemeinsamkeiten der Themen gibt es grundlegende Unterschiede zwischen Inter* und Trans*, die für den jeweiligen Umgang wichtig sind.

  • Alle inter* Variationen werden, sobald sie in einem medizinischen Kontext diagnostiziert werden, zu einem psychosozialen Notfall erklärt, der folglich behandlungsbedürftig ist.
  • Intergeschlechtliche Menschen werden zum großen Teil schon in der frühen Kindheit uneingewilligten, irreversiblen geschlechtsverändernden Eingriffen unterzogen.
  • Das Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit und den Erhalt des ursprünglichen Körpers wird ignoriert.
  • Die frühkindliche Bindungsentwicklung kann erheblich gestört werden.
  • In der Folge von Eingriffen entstehen oftmals erhebliche Traumatisierungen, lebenslange somatische und psychische Probleme.
  • Tatsächliche Gesundheitsbedürfnisse werden nicht selten vernachlässigt zugunsten der Behandlung entsprechend der Referenzwerte von „Frauen“ oder „Männer“.

Wir beraten Inter* ergebnisoffen. Orientierungsgebend ist für uns dabei der Wunsch nach sofortiger Beendigung geschlechtsverändernder Behandlungen bei nicht vollständig informierten und einwilligungsfähigen Personen, den auch die Internationale Vereinigung intergeschlechtlicher Menschen (IVIM) vertritt.

Bei der Beratung von Trans* nehmen wir eine konsequent entpsychopathologisierende Haltung ein. Wir beraten entsprechend der aktuellen rechtlichen und medizinischen Gegebenheiten.

 

Mit Blick auf die Fortbildungsangebote für medizinisches Fachpersonal ist uns bewusst, dass innerhalb der verschiedenen Aus- und Weiterbildungscurricula in den vergangenen Jahrzehnten Wissen über Trans* und Inter* nicht oder nur am Rande und zumeist unter Verwendung pathologisierenden Vokabulars vermittelt wurde. Daher legen wir Wert auf die Vermittlung aktuellen Wissens und die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache im Rahmen unserer Veranstaltungen.

 

Die Themen Geschlecht und geschlechtliche Identität treten selten isoliert auf. Oft gibt es Überschneidungen mit anderen Themen, Fragen und Lebenslagen. Je nach Herkunft und biographischem Hintergrund, je nach Erfahrungen und gesellschaftlichen Teilhabemöglichkeiten sind jede einzelne Person und ihr Umfeld mit verschiedenen Realitäten, Zuschreibungen und vielfältigen Diskriminierungserfahrungen konfrontiert. Darüber kann es zu Verschärfungen in der Lebenssituation und im Alltag kommen. Daraus leiten sich Lösungsansätze und Umgangsweisen ab, die sehr stark differieren können. Auch im Zusammenhang mit Trans* und Inter* hat dies Konsequenzen für unsere Arbeit, denen wir uns mit Respekt und Sensibilität zu stellen versuchen.

Wir laden hier auch explizit dazu ein, uns auf Grenzverletzungen durch uns und unsere Arbeitsweisen hinzuweisen. Wir sind offen für Kritik und weiteres Lernen.